Anlaufstellen bei psychischen Krisen: Wegweiser für Führung und HR

Wenn jemand im Team in einer Krise steckt, ist die Frage selten „Soll ich helfen?“, sondern „Wohin?“. Dieser Artikel zeigt Dir, welche internen und externen Anlaufstellen es gibt, wofür sie zuständig sind — und warum die entscheidende Liste nur Ihr selbst erstellen könnt. Landkarte und Register zum Download.

Eine Führungskraft rief mich einmal an, weil ein Mitarbeiter nach einem langen Coachingprozess plötzlich suizidal geworden war.

Sie war erschüttert — und ratlos. Nicht, weil sie nicht helfen wollte. Sondern weil sie nicht wusste, wohin.

Das ist kein Einzelfall. In meiner Arbeit mit Unternehmen erlebe ich das regelmäßig: Menschen wollen helfen und stehen bei der Frage, wie das konkret aussieht, vor einer Wand. Oder das Unternehmen selbst hat keinen klaren Weg, auf den es verweisen könnte.

Deine Rolle dabei ist eine Lotsenfunktion. Du kennst Wege, öffnest Türen und machst Angebote. Gehen muss die Person selbst. Dafür musst Du nicht alle Anlaufstellen auswendig können — Du musst wissen, welche existieren und zu welcher Situation sie passen.

Welche externen Anlaufstellen solltest Du kennen?

Das deutsche Versorgungssystem ist gut — wenn man weiß, wie es funktioniert. Die meisten wissen es nicht, und dieses Unwissen kostet im Zweifel Leben.

Bei akuter Eigen- oder Fremdgefährdung: 112. Ohne Abwägen, ohne Rücksprache. Für dringende, aber nicht lebensbedrohliche Situationen gibt es rund um die Uhr die 116 117, den ärztlichen Bereitschaftsdienst. In Bayern und Berlin gibt es eigene Krisendienste, in NRW vielerorts städtische.

Ein Punkt, der viele Vorurteile abräumt: Mit einer akuten psychischen Krise darf man in die Notaufnahme — genau wie mit einem gebrochenen Bein. Am besten in eine Klinik mit psychiatrischer Station.

Für die Versorgung darunter: Hausarztpraxis als niedrigschwelliger Einstieg. Psychotherapie ganz ohne Überweisung, Ersttermine über die 116 117 innerhalb von vier Wochen. Psychiatrische Praxen, wenn Medikation oder schwere Verläufe im Spiel sind. Tageskliniken, in denen man abends zu Hause schläft. Und Angebote, die kaum jemand kennt: der Sozialpsychiatrische Dienst, der ausdrücklich auch Arbeitgeber berät, Ergo- und Soziotherapie, digitale Gesundheitsanwendungen auf Rezept, kommunale Sucht- und Schuldnerberatung.

Und dann gibt es die Behörden, die kaum jemand auf dem Schirm hat. Das Integrationsamt ist in vielen Köpfen nur mit dem Kündigungsschutz bei Schwerbehinderung verknüpft, also mit dem Ende eines Prozesses. Tatsächlich berät und finanziert es Arbeitsplatzanpassungen auch präventiv — ohne anerkannten Grad der Behinderung, und die Beratung für Arbeitgeber ist inklusive. Dasselbe gilt für die Deutsche Rentenversicherung, die Anpassungen mitfinanziert, um eine Erwerbsminderung zu verhindern. Beide früh einzubeziehen, ist eines der wirksamsten und am seltensten genutzten Instrumente überhaupt.

Hier findest du viele Anlaufstellen im Überblick, als DIN-A4-Landkarten-Poster zum Aufhängen:

Warum gibt es keine fertige Liste, die Ihr übernehmen könnt?

Weil sie zur Hälfte falsch und zur anderen Hälfte unvollständig wäre.

Das deutsche Hilfesystem ist regional extrem unterschiedlich. Krisendienste rund um die Uhr gibt es nur in einigen Bundesländern. Der Sozialpsychiatrische Dienst arbeitet je nach Kommune völlig anders — mancherorts mit aufsuchender Hilfe, anderswo nur mit Sprechstunde. Wartezeiten auf einen Therapieplatz unterscheiden sich zwischen Großstadt und Landkreis um Monate. Was in München gilt, gilt nicht in Brandenburg.

Dazu kommt alles, was nur bei Euch gilt: ob es ein EAP gibt und was es abdeckt, wie die Betriebsmedizin organisiert ist, welche Zusatzleistungen in Eurem Benefit-Paket stecken, wie Eure Beschwerdewege heißen, ob es Ersthelfende für psychische Gesundheit gibt. Zwei Unternehmen in derselben Straße haben hier völlig verschiedene Listen.

Deshalb gibt es von mir eine Vorlage und keine Liste. Die Systemkenntnis kann ich Euch liefern. Die Telefonnummern nicht.

Warum Ihr die Stellen einmal angerufen haben solltet

Der häufigste Fehler beim Erstellen so einer Liste ist, Adressen zusammenzugoogeln.

Wer den örtlichen Sozialpsychiatrischen Dienst einmal angerufen hat, weiß danach Dinge, die auf keiner Website stehen: ob dort auch Arbeitgeber beraten werden, wie lange es bis zu einem Termin dauert, ob jemand zu Betroffenen nach Hause kommt, wer abnimmt. Dasselbe gilt für die Betriebsärztin, das Integrationsamt, die Beratungsstellen.

Und es passiert noch etwas: Aus solchen Gesprächen entstehen Kooperationen. Mit psychotherapeutischen Praxen in der Umgebung, die Kontingente für Euer Unternehmen freihalten. Mit dem Integrationsamt, das Anpassungen mitfinanziert. Viele Anbieter kommen für eine Vorstellung sogar ins Unternehmen.

Ein Jahresgespräch mit Betriebsmedizin und SPD ist keine Pflichtübung. Es ist die günstigste Versicherung, die Ihr abschließen könnt — weil Ihr im Ernstfall nicht bei null anfangt, sondern einen Namen anrufen könnt.

Wer sich in einer Krise meldet, überwindet eine Hemmschwelle.

Warum Namen wichtiger sind als Postfächer

„hr-support@unternehmen.de" ist eine Adresse. „Melda Yildiz, Ansprechpartnerin für Gesundheit und Wiedereingliederung" ist ein Mensch.

Wer sich in einer Krise meldet, überwindet eine Hemmschwelle. Ein Sammelpostfach macht diese Schwelle höher: Man weiß nicht, wer liest, wie viele es lesen und was danach passiert. Ein Name senkt sie. Ein Foto senkt sie noch weiter. Eine Zeile dazu, wofür die Person zuständig ist und wofür ausdrücklich nicht, senkt sie am meisten — weil die Angst vor dem Kontrollverlust die eigentliche Barriere ist, nicht die Angst vor dem Gespräch.

Das gilt auch für externe Stellen. Wenn Du weißt, wer beim Sozialpsychiatrischen Dienst ans Telefon geht, schreib den Namen dazu.

Warum ein PDF der falsche Ort ist

Ansprechpersonen wechseln. Nummern ändern sich. Angebote kommen und verschwinden. Ein PDF im Intranet ist nach neun Monaten in Teilen falsch — und niemand merkt es, weil niemand es korrigieren kann.

Leg das Register dort ab, wo Menschen kommentieren dürfen: Confluence, SharePoint, Wiki, geteiltes Dokument. Wer bemerkt, dass eine Nummer tot ist oder eine Ansprechperson gewechselt hat, soll das direkt danebenschreiben können. Das ist kein Kontrollverlust, sondern der einzige Mechanismus, der so eine Liste am Leben hält.

Dazu zwei Dinge, die oft fehlen: eine benannte Person, die das Register pflegt — nicht „HR“, sondern ein Name — und ein festes Prüfintervall, bei dem Nummern tatsächlich angerufen und nicht nur angesehen werden. Ein toter Anschluss in einer Krise ist schlimmer als gar kein Eintrag.

Und dann muss es jemand finden. Intranet allein reicht nicht. QR-Code am Schwarzen Brett, Anhang an Gesprächsleitfäden, Thema im Onboarding, regelmäßig in Führungskräfte-Runden. Wenn niemand vom Register weiß, kann es niemand nutzen.

Hier findest du die Vorlage „Register der Ressourcen“, editierbar und regional zu befüllen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Deine Rolle ist eine Lotsenfunktion: Wege kennen, Türen öffnen, Angebote machen. Entscheiden muss die Person selbst.
  • Bei akuter Eigen- oder Fremdgefährdung: 112, ohne Abwägen. Dringend, aber kein Notfall: 116 117.
  • Intern ist meist mehr da, als bekannt ist. Betriebsmedizin und Integrationsamt sind am stärksten unterschätzt.
  • Eine bundesweite Liste kann es nicht geben. Das Hilfesystem ist regional, Eure Benefits sind es auch.
  • Einmal anrufen schlägt zehnmal googeln — und führt oft zu Kooperationen.
  • Namen und Gesichter statt Sammelpostfächer. Das senkt die Hemmschwelle mehr als jede Formulierung.
  • Kein PDF. Kommentierbar ablegen, benannte Pflegeperson, festes Prüfintervall, aktiv verteilen.

Wenn Du tiefer einsteigen willst

In meinem Buch „Psychische Belastungen in Unternehmen erkennen und souverän begleiten“ findest Du das Thema mit voller fachlicher Tiefe: das gesamte Versorgungssystem erklärt, was KMU anders lösen müssen als Konzerne, Rollenboxen für Führung, HR und Kolleginnen ohne Personalverantwortung — und fertige Formulierungen, um Ressourcen weiterzugeben, ohne zu drängen.

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Dieser Artikel ersetzt keine individuelle Diagnostik, Beratung oder Behandlung. Wenn Du selbst betroffen bist oder Dir um jemanden Sorgen machst, wende Dich an eine ärztliche oder psychotherapeutische Fachperson.

Über Katrin Siemens

Katrin Siemens ist approbierte Psychotherapeutin und war als HR-Abteilungsleitung bei der Deutschen Telekom und Zalando für Gesundheit, Diversity und AGG und Talentmanagement verantwortlich. Sie kennt psychische Erkrankungen aus der Behandlung und den Unternehmensalltag aus der Führungsrolle.